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Wie die Bundesregierung die Versorgungssituation der Adipositas beschreibt

Das Jahr 2020 ist gesundheitspolitisch nun schon ein sehr aktives Jahr.
Der Fokus liegt – verständlicherweise – auf dem Thema COVID-19.
Paralell setzt man sich dann noch mit dem Thema „Digitale Versorgung“ auseinander, was in der Öffentlichkeit gar nicht die große Aufmerksamkeit erhält.
Aus dem Jahr 2020 wurde die  Nationale Diabetesstrategie mit übernommen und alle Beteiligten – vor allem Behandler und Patienten – hofften auf ein gutes Ende.

Wie aus heiterem Himmel stellte die Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN dann eine Kleine Anfrage mit dem Titel

Stigmatisierung und Versorgungsqualität hochgewichtiger Menschen im Gesundheitswesen

Als ich den Inhalt sah, war ich über die 32 Fragen überrascht. Überrascht, weil auch inhaltlich detailliert gefragt wurde.
Schon die ersten beiden Frage sind sehr spannend

  1. Ist der Bundesregierung die Problematik der Diskriminierung von hochgewichtigen Menschen im Gesundheitswesen bekannt, und welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus den ihr vorliegenden Kenntnissen?
  2. Liegen der Bundesregierung Informationen vor, wie viele hochgewichtige Menschen in Deutschland jährlich unter negativen medizinischen und psychischen Begleiterscheinungen durch Stigmatisierung und Diskriminierung leiden?

Themen, die durch die Selbsthilfeverbände regelmäßig angesprochen werden.

Ein paar Fragen weiter, dann eine kleine Prüfung über den Wissensstand der Bundesregierung

13. Was sind nach Kenntnis der Bundesregierung die maßgeblichen Faktoren, die zu einer Adipositas führen?

Wie sieht es mit Versorgungsangeboten aus?

19. Wie viele ambulante, teilstationäre und stationäre Versorgungsangebote zur Gewichtsreduktion gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung in Deutschland (bitte nach Bundesländern und Art des Versorgungsangebotes inklusive für welche Altersgruppen aufschlüsseln)?

Und ab Frage 21 kommen wir dann ans Eingemachte was die Versorgung und Therapieangebote angeht.

21. Wie viele Angebote für ein multimodales konservatives Programm zur Gewichtsreduktion … gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung in Deutschland, an welchen Standorten gibt es solche Programme, und für wie viele dieser Programme werden die Kosten durch die GKV übernommen?

Ihr seht, die Anfrage wird immer detaillierter. Ich erspare Euch nun eine Auflistung aller Fragen, allerdings könnt könnt ihr den gesamten Fragenkatalog über diesen Link nachlesen.

Also warteten alle gespannt auf die Antworten der Bundesregierung.
Schon die Antwort auf Frage 1 brachte mich zum erstaunen. Besonders der letzte Satz, den ich hier gerne zitiere.

… Bei Vorliegen krankhafter Übergewichtigkeit besteht ein Anspruch auf Krankenbehandlung.

Da nehme ich doch jetzt dieses Schreiben und gehe zu meinem Arzt und frage ihn was er dazu sagt.

Auch die Frage zu den maßgeblichen Faktoren, die zu einer Adipositas führen, antwortet die Bundesregierung korrekt

Die Ursachen von Adipositas sind vielfältig und lassen sich nicht auf einzelne Faktoren reduzieren. Vielmehr ist Adipositas das Resultat eines komplexen Zusammenspiels zahlreicher Einflussfaktoren. Hierzu gehören biologische, verhaltensbezogene, psychosoziale und verhältnisbezogene Faktoren. Der zentrale biologische Risikofaktor ist die genetische Prädisposition. Bewegungsmangel, auch in Kombination mit übermäßiger Mediennutzung, und eine unausgewoge-ne Ernährung sind die zentralen verhaltensbezogenen Faktoren, die zu einer Adipositas führen können. …

Also zum jetztigen Zeitpunkt können wir schon sehen, dass es an Wissen und Erkenntniss in den Reihen der Bundesregierung nicht fehlt.

Auf die Frage 19, die ich oben dargestellt habe, fiel die Antwort wie erwartet aus

Konkrete Daten zur Anzahl der ambulanten Versorgungsangebote liegen der Bundesregierung nicht vor.

Und kommen wir nun – um den Beitrag nicht noch länger werden zu lassen – zu der Antwort auf die Frage 21.
Nämlich wie viele konservative und multimodalen Angebote es gibt und wie diese finanziert werden.

Die Bundesregierung schreibt hier:

Multimodale konservative Programme zur Gewichtsreduktion werden innerhalb des Leistungsumfangs der GKV den Patientenschulungsmaßnahmen zugeordnet. Patientenschulungsmaßnahmen sind ergänzende Leistungen zur Rehabilitation nach § 43 Absatz 1 Nummer 2 SGB V.

„Ergänzende Leistung zur Rehabilitation“? Hatte die Bundesregierung nicht schon bei Frage 1 mit

… Bei Vorliegen krankhafter Übergewichtigkeit besteht ein Anspruch auf Krankenbehandlung.

Rehabilitation?

Ich dachte immer, dass Reha nach der Behandlung / Therapie kommt. So ist das nunmal. „Sätze, die mit „ich dachte“ beginnen, sind meistens zum Scheitern verurteilt.
Aber ernsthaft.
Ihr kennt das? Kostenvoranschlag an die Kasse und dann hoffen, dass etwas bezuschusst wird? Oder man hat Glück, dass die eigene Kasse ein solches Programm „unter Vertrag“ hat?

Alle Antworten der Bundesregierung findet Ihr in dieser PDF

Selbsthilfeverbände nehmen Stellung

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Adipositas hat sich die Antworten der Bundesregierung genau angeschaut und eine Stellungnahme veröffentlicht. Dateilliert ging man hier auch auf die für die Selbsthilfe wesentlichen Punkte Diskriminierung und Versorgung ein.
Die Stellungnahme findet Ihr auf der Webseite der BAG Selbsthilfe Adipositas

Letztendlich kann man zu dem Schluss kommen, dass Wissen über die Erkrankung Adipositas ausreichend vorhanden ist. Ich bin auch ziemlich sicher, dass man sich über die miserable Versorgungssituation bewusst ist.
Es scheint also nur der politische Wille zu fehlen, dies zu ändern. Ist dies am Ende nicht auch eine Form der Diskriminierung? Wider besseren Wissens jemand eine Therapie zu verweigern?

Greift das Stigma des „Selbst schuld sein“ bei der Entscheidungsfindung? Vielleicht ist auch deshalb die Petition zur Schaffung der Rahmenbedingungen und deren Finanzierung für eine bedarfsgerechte medizinische Versorgung adipöser Patienten noch nicht entschieden?

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