Warum eine Selbsthilfegruppe der „Gamechanger“ sein kann
Wenn ich früher „Selbsthilfegruppe“ gehört habe, hatte ich sofort ein Bild im Kopf: Ein Stuhlkreis in einem stickigen Raum, schlechter Kaffee und alle halten Händchen und jammern gemeinsam über ihr schweres Schicksal.
Vielleicht geht es Euch auch so. Aber ich sage Euch heute ganz direkt:
Ohne den Austausch in der Selbsthilfe wäre ich heute nicht da, wo ich bin.
Gerade bei einer chronischen Erkrankung wie Adipositas ist das Gefühl, alleine zu sein, einer der größten Feinde. Aber was bringt so eine Gruppe wirklich? Und wo sollte man vorsichtig sein?
1. Endlich verstanden werden (ohne Worte)
Das Wichtigste zuerst: In einer SHG triffst Du auf Menschen, die Deine Sprache sprechen. Du musst nicht erklären, warum Du im Flugzeug Angst vor dem Gurt hast. Du musst nicht rechtfertigen, warum Du schon wieder eine Diät abgebrochen hast. Die anderen nicken nur, weil sie es kennen.
Draußen in der Welt werden wir oft verurteilt („Iss halt weniger“). In der Gruppe fällt diese Maske. Du darfst einfach Du sein, mit allen Ängsten und Sorgen. Dieser psychische Raum zum Atmen ist unbezahlbar.
2. Das Schwarmwissen (Die praktische Hilfe)
Ärzte kennen die Theorie. Patienten kennen die Praxis. In der Gruppe erfährst Du Dinge, die in keinem Lehrbuch stehen:
- Welcher Antrag bei welcher Krankenkasse geht wie durch?
- Welches Eiweißpulver schmeckt nicht nach Tapetenkleister?
- Welcher Arzt im Adipositaszentrum nimmt sich wirklich Zeit?
Dieses „Insider-Wissen“ spart Dir oft monatelangen Ärger und unnötige Wege. Wir sind Profis unserer eigenen Erkrankung.
3. Wo sind die Grenzen? (Wichtig!)
So toll Selbsthilfe ist, sie hat ganz klare Grenzen. Und die müssen wir kennen.
- Kein Ärzte-Ersatz: Eine SHG ersetzt keine medizinische Behandlung. Wir können Erfahrungen austauschen, aber keine Diagnosen stellen. Wenn jemand sagt: „Setz mal die Tabletten ab, hab ich auch gemacht“, dann schrillen bei mir die Alarmglocken. Das ist gefährlich.
- Keine Therapie: Die Gruppe fängt Dich auf, aber sie kann keine tieferliegenden psychischen Störungen oder Traumata therapieren. Dafür gibt es Psychologen.
- Vorsicht vor „Guru-Tum“: Manchmal gibt es in Gruppen einzelne „Lautsprecher“, die meinen, ihr Weg sei der einzig richtige. Lasst Euch davon nicht verunsichern. Jeder Körper ist anders.
Der Blick von der anderen Seiten – als Leitung
Viele Jahre war ich selbst als Leitung einer Gruppe aktiv. Es war toll, Menschen auf ihrem Weg zu beobachten und teilweise auch zu begleiten. Die Veränderungen zu beobachten, die die Menschen mit der Zeit gemacht haben. An den Höhen und Tiefen teilzuhaben.
Was ab und an schwierig war, sind Situationen wo Konflikte aufkamen oder jemand aus der Gruppe internas nach außen trug. Da ist dann immer wieder Fingerspitzengefühl gefragt. Eine Selbsthilfegruppe ist eine Gruppe wie jede andere auch. Unterschiedliche Typen von Menschen und Charaktere treffen aufeinander. Das macht es aber auch so spannend.
Wo finde ich denn eine Selbsthilfegruppe?
Bei den örtlichen Selbsthilfekontaktstellen findet man Übersichten über die regionalen Selbsthilfegruppen.
Adipositas Selbsthilfegruppen findest Du auch bei der AdipositasHilfe Deutschland e.V. oder beim Adipositas Veraband Deutschland e.V.
Mein Fazit
Eine gute Selbsthilfegruppe ist wie ein Sicherheitsnetz. Sie fängt Dich auf, wenn Du fällst, und sie jubelt mit Dir, wenn Du Erfolge feierst. Traut Euch. Geht hin. Schnuppert rein. Und wenn die erste Gruppe nicht passt (die Chemie muss stimmen!), dann probiert die nächste.
Seid Ihr schon in einer Gruppe? Oder habt Ihr noch Berührungsängste?
Vielleicht hast DU ja auch Interesse eine Gruppe zu gründen? Dann melde Dich gerne.

Lieber Michael,
Wieder so ein schöner Text. Alles auf den Punkt gebracht. Klar und deutlich!
Wir geht es dir. ? Hast du Kapazitäten für einen Austausch? Liebe Grüße Doris