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Wo geht das Geld der Krankenkassen hin?

Es gibt viele Gründe warum die Kosten der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) in den letzten Jahren so weit nach oben steigen.
Und das obwohl durch die Beitragszahler in den letzten Jahren ordentlich einbezahlt wurde. Zumindest was ich an Zahlen gefunden habe. Wenn jemand bessere Zahlen hat, gerne kommentieren.
Und bitte keine Kommentare zu den Verwaltungskosten. Die sind minimal

Aber zuerst eine Einodnung.

Im Jahr 2014:
Die Gesamteinnahmen der GKV beliefen sich auf rund 204,1 Milliarden Euro.
Dem standen Ausgaben von rund 205,3 Milliarden Euro gegenüber.

Im Jahr 2023: Die Gesamteinnahmen der GKV explodierten auf 304,4 Milliarden Euro.
Dem standen Ausgaben von 306,2 Milliarden Euro gegenüber.

Aber es reden doch alle von einem dicken Minus?

Ja, so ist es. Die strukturelle Finanzierungslücke wurde durch staatliche Zuschüsse geschlossen. Eine Krankenkasse darf ja nicht pleite gehen. Das war keine Ironie, das ist so festgelegt.

Um das Milliardenloch im Jahr 2023 zu stopfen, musste der Staat massiv mit Steuermitteln einspringen. Konkret flossen im Jahr 2023 folgende Summen als Zuschuss in das GKV-System:

Der reguläre Bundeszuschuss: 14,5 Milliarden Euro. Dieser Betrag wird jährlich aus Steuergeldern gezahlt, um sogenannte „versicherungsfremde Leistungen“, wie beispielsweise die beitragsfreie Familienversicherung, zumindest teilweise auszugleichen.

Ein ergänzender Bundeszuschuss: 2,0 Milliarden Euro. Dieser Betrag wurde zusätzlich beschlossen – im Rahmen des sogenannten GKV-Finanzstabilisierungsgesetzes –, um das damals erwartete Defizit von rund 17 Milliarden Euro abzufedern.

Ein Bundesdarlehen: 1,0 Milliarden Euro. Dieses Geld hat der Bund dem Gesundheitsfonds als nicht zu verzinsendes Darlehen gewährt.

Zusammengerechnet hat der Staat im Jahr 2023 also 17,5 Milliarden Euro aus dem Steuertopf in das System gepumpt.

Zusätzlich zu diesen Steuergeldern wurden weitere Mittel herangezogen, um das Defizit zu decken: Die Krankenkassen mussten 4 Milliarden Euro aus ihren Finanzreserven abgeben, und weitere 2,4 Milliarden Euro stammten aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds

Was hat die Gesundheitskosten so in die Höhe getrieben?

1. Leistungsausweitungen durch teure Vorjahres-Gesetze

In der vorangegangenen Legislaturperiode (unter Jens Spahn) wurden zahlreiche kostenintensive Gesetze verabschiedet, die die Leistungen für Versicherte zwar verbesserten, aber nicht nachhaltig gegenfinanziert waren.

Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG): Extrabudgetäre Vergütungen für Ärzte, um schneller Termine anzubieten, trieben die Honorarausgaben in die Höhe.

Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG): Die Pflegekosten in den Krankenhäusern wurden aus den Fallpauschalen (DRGs) herausgelöst und von den Krankenkassen fortan spitz abgerechnet (Pflegebudget). Dies war für die Kliniken wichtig, führte aber bei der GKV zu erheblichen Mehrausgaben.

2. Unterfinanzierung bei Arbeitslosengeld-II-Beziehern (Bürgergeld)

Dies ist einer der größten und umstrittensten strukturellen Fehler im System:

Der Staat zahlt für Bezieher von Arbeitslosengeld II (heute Bürgergeld) monatliche Pauschalbeiträge an die gesetzlichen Krankenkassen.

Diese Pauschalen decken jedoch bei Weitem nicht die tatsächlichen Behandlungskosten dieser Versichertengruppe ab. Gesundheitsökonomen und Kassenverbände beziffern diese „Unterdeckung“ konstant auf knapp 10 Milliarden Euro pro Jahr. Das System GKV subventioniert hier faktisch staatliche Sozialaufgaben quer.

3. Rekordausgaben beim Krankengeld

Das Jahr 2022 und der Übergang in 2023 waren geprägt von historischen Höchstständen bei den Krankschreibungen.

Eine massive Welle an Atemwegserkrankungen, die Nachwehen der Corona-Pandemie und ein starker Anstieg an psychischen Erkrankungen führten zu extrem hohen Ausfallzeiten.

Die Ausgaben der Kassen für das Krankengeld (die Lohnfortzahlung nach der sechsten Krankheitswoche) explodierten infolgedessen und stellten einen ungeplanten, massiven Ausgabenblock dar.

4. Steigende Arzneimittelkosten

Der pharmazeutische Fortschritt ist für Patienten ein Segen, für die Kassenbilanz jedoch eine immense Belastung.

Immer mehr hochinnovative, aber extrem teure Spezialpräparate (z. B. Gentherapien, Krebsmedikamente, Biologika) kamen auf den Markt.

Gleichzeitig stieg die verordnete Menge bei älteren, chronisch kranken Patienten weiter an, was das Gesamtbudget für Arzneimittel im Jahr 2023 massiv belastete.
Hier mal eine kleine Übersicht über die Altersgruppen der chronisch kranken Menschen in Duetschland. Alleine die Betriebe sollten an einer guten Versorgung Ihrer Mitarberinnen und Mitarbeiter interessiert sein.
Wir reden von hochgerechnet ~ 37 Millionen Menschen mit mindestens einer chronischen Erkrankung in Deutschland.


5. Inflation und Tarifabschlüsse

Obwohl die allgemeine, starke Inflation (Energiekrise) im Jahr 2023 die Arztpraxen und Kliniken teilweise erst zeitverzögert traf, machten sich die allgemeinen Preissteigerungen bemerkbar.

Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen mussten deutlich höhere Tariflöhne zahlen, um Personal zu halten oder zu gewinnen. Diese gestiegenen Personalkosten flossen über kurz oder lang in die Vergütungsverhandlungen mit den Krankenkassen ein und trieben die Ausgaben weiter hoch.

Wie kann man das Dilemma lösen?

1. Faire Finanzierung durch den Staat (Die Steuer-Lücke schließen)

Das System der Gesetzlichen Krankenversicherung darf nicht länger als Ausfallbürge für gesamtgesellschaftliche und staatliche Aufgaben missbraucht werden.

Kostendeckende Beiträge für Bürgergeld-Bezieher: Der Staat muss für Bezieher von Bürgergeld Beiträge aus Steuermitteln an die GKV zahlen, die die tatsächlichen Gesundheitskosten dieser Gruppe decken. Allein dieser Schritt würde die GKV schlagartig um fast 10 Milliarden Euro pro Jahr entlasten.

Dynamisierung des Bundeszuschusses: Die Kosten für versicherungsfremde Leistungen (wie die beitragsfreie Mitversicherung von Kindern) steigen stetig. Der Bundeszuschuss muss transparent berechnet und automatisch an diese Kostenentwicklung angepasst werden.

2. Etablierung regionaler Gesundheitsnetzwerke

Die Zersplitterung zwischen Hausärzten, Fachärzten, Kliniken und Nachsorge führt zu teuren Doppeluntersuchungen und gefährlichen Informationsverlusten (die sogenannte „Drehtürmedizin“).

Intersektorale Versorgung: Der Aufbau lokaler, vernetzter Strukturen schafft hier enorme Abhilfe. Ein hervorragendes Beispiel für diesen lösungsorientierten Ansatz sind regionale Initiativen, wie etwa der Aufbau eines „AdipositasNetz“ im Raum Zwickau. Wenn alle Akteure – von der Ernährungsberatung über Hausärzte bis hin zur Klinik – regional Hand in Hand arbeiten, entstehen effiziente, patientenzentrierte Behandlungspfade, die nachhaltig Kosten senken und die Behandlungsqualität drastisch erhöhen.

3. Konsequente Umsetzung von Disease-Management-Programmen (DMP)

Chronische Erkrankungen verursachen die höchsten Kosten im System. Ein strukturiertes Vorgehen verhindert, dass Patienten zu spät oder falsch behandelt werden.

Flächendeckende Verträge: Medizinisch notwendige und evaluierte Programme müssen ohne Verzögerung in die Praxis überführt werden. Die sofortige Umsetzung und Finanzierung von Verträgen für das DMP Adipositas würde beispielsweise dafür sorgen, dass Patienten leitliniengerecht versorgt werden, bevor teure Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse eintreten.

4. Der Wechsel zur echten Verhältnisprävention

Wir müssen aufhören, die Verantwortung für Volkskrankheiten rein auf das Verhalten des Individuums zu schieben, während unser Umfeld krank macht.

Politische Leitplanken: Maßnahmen der Verhältnisprävention – wie steuerliche Lenkungswirkungen auf stark zuckerhaltige Produkte (Zuckersteuer) oder verbindliche Werberichtlinien für ungesunde Lebensmittel zum Schutz von Kindern – greifen an der Wurzel. Wenn die Inzidenz von Stoffwechselerkrankungen sinkt, sinken auch die langfristigen Ausgaben für teure Arzneimittel und das Krankengeld.

5. Begrenzung der Arzneimittelkosten

Die Ausgaben für Arzneimittel sind neben den Krankenhauskosten der größte Ausgabenblock der GKV (zuletzt fast 50 Milliarden Euro pro Jahr). Hier einzugreifen, bringt schnelle finanzielle Entlastung, ist aber politisch und wirtschaftlich ein Drahtseilakt. Wahrscheinlich erleben wir dann Lieferschwierigkeiten und ähnliches. Es ändert am Ende aber auch nichts am Bedarf.

6. Gesundes KiTa- und Schulessen (Die nachhaltige Lösung)

Die flächendeckende, verpflichtende und kostenfreie (oder stark subventionierte) Einführung eines gesunden, leitliniengerechten KiTa- und Schulessens ist das absolute Paradebeispiel für echte Verhältnisprävention.

Wenn wir an die 2,2 Millionen chronisch kranken Kinder und Jugendlichen denken, ist dies der mächtigste Hebel, den der Staat abseits des Gesundheitssystems ziehen kann.
Klar. das ist keine kurzfristige Maßnahme. Es ist allerdings eine langfristige Investition, die sich auszahlen wird.

Was mir bei den ganzen Vorschlägen aus dem Ministerium fehlt

Ist der Anteil des Staates, den er hierzu leistet. Da habe ich nichts gefunden. Kommt da noch was?

Bis demnächst
Micha

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