Menschen mit Übergewicht oder Adipositas haben ein erhöhtes Risiko für Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlafapnoe. Doch die Praxis zeigt: Der Krankheitsverlauf ist extrem individuell. Während einige Menschen jahrelang gesund bleiben, entwickeln andere schnell schwere Komplikationen.
Bisher wurde oft primär der Body-Mass-Index (BMI) herangezogen, um das Risiko zu bewerten und Therapien einzuleiten. Doch der BMI allein greift zu kurz.
Dies hatte ich bereits in einem Beitrag erläutert.
Ein neues, datengesteuertes Vorhersagemodell namens OBSCORE könnte im Adipositas-Management nun eine präzisere, individuellere Behandlung ermöglichen.
Sofern dieser denn auch angewendet wird. Ähnlich wie der EOSS wird es dauern, bis er angewendet und anerkannt wird. Nicht von den Fachgesellschaften oder den spezalisierten Behandlern. Eher von seiten der Kassen und Gruppierungen, die die Adipositas immer noch als individuelles Problem sehen und alle Betroffenen über einen Kamm scheren.
Was ist der OBSCORE?
Der OBSCORE ist ein neuartiges Machine-Learning-Modell, das dabei hilft, Hochrisikopatienten besser zu identifizieren. Anstatt sich nur auf das Körpergewicht zu verlassen, berechnet der OBSCORE das individuelle 10-Jahres-Risiko für 18 typische Adipositas-Komplikationen
Dazu gehören unter anderem:
- Typ-2-Diabetes (T2D)
- Kardiovaskuläre Sterblichkeit (Herz-Kreislauf-Todesfälle)
- Chronische Nierenerkrankungen
- Gicht
- Schlafapnoe
- Fettleber (MASLD)
Wie funktioniert das Modell? Die 20 entscheidenden Parameter
Die Forscher analysierten die Gesundheitsdaten von rund 200.000 Teilnehmenden der UK Biobank, die an Übergewicht oder Adipositas litten. Aus über 2.000 untersuchten Gesundheitsindikatoren filterte das Modell präzise heraus, welche Faktoren die beste Vorhersagekraft besitzen
Dabei identifizierte das Modell genau 20 Parameter, die für die Risikoberechnung über alle 18 Folgeerkrankungen hinweg am aussagekräftigsten sind. Fast alle davon sind leicht in der klinischen Routine erfassbar
Diese 20 Parameter des OBSCORE setzen sich wie folgt zusammen:
Basisdaten & Körpermaße:
- Alter
- Geschlecht
- Taille-Größe-Verhältnis (Waist-to-Height Ratio)
- Bluthochdruck (Hypertension)
- Familiäre Vorbelastung für Herzerkrankungen
- Chronische/langwierige Erkrankungen (Longstanding illness)
- HbA1c (Langzeitblutzucker)
- Gesamtcholesterin
- HDL-Cholesterin
- Harnsäure (Urat)
- Kreatinin (Nierenwert)
- Cystatin C (ein weiterer, sehr sensitiver Nierenwert)
- ALT (Alanin-Aminotransferase, Leberwert)
- Gamma-GT (g-GT, Leberwert)
- Aktueller Raucherstatus
- Subjektive Gesundheitsbewertung als „schlecht“ (Overall health rating: poor)
- Subjektive Gesundheitsbewertung als „mäßig“ (Overall health rating: fair)
- Gelenkschmerzen (Pain in joint)
- Bauchschmerzen (Abdominal pain)
- Unspezifische Brustschmerzen (Non-specific chest pain)

Ist der OBSCORE ein Gamechanger?
1. Individuelle Risiken statt starrer BMI-Grenzen:
Die Auswertung zeigte eindrucksvoll, dass nicht zwangsläufig die Personen mit dem höchsten BMI das größte Krankheitsrisiko tragen. Tatsächlich befanden sich im obersten Risikodezil für bestimmte Erkrankungen viele Menschen, die „nur“ Übergewicht (einen BMI zwischen 27 und 30), aber keine schwere Adipositas hatten..
2. Gezielter Einsatz von Therapien (z.B. GLP-1-Agonisten): Moderne Adipositas-Medikamente (wie Semaglutid oder Tirzepatid) sind hochwirksam, aber es fehlt oft ein objektiver Konsens darüber, wer diese Therapien am dringendsten benötigt. Der OBSCORE hilft dabei, absolute Hochrisikopatienten frühzeitig zu identifizieren. So können knappe Ressourcen genau denjenigen zugutekommen, die den größten medizinischen Nutzen daraus ziehen. In einer Analyse der SURMOUNT-1-Studie (mit dem Wirkstoff Tirzepatid) konnte der Score zudem erfolgreich abbilden, wie das individuelle Risiko unter der medikamentösen Therapie absinkt.
3. Leichte Integration in den Praxisalltag: Da die 20 benötigten klinischen, anamnestischen und laborchemischen Parameter bei Routineuntersuchungen meist ohnehin vorliegen, lässt sich der OBSCORE zukünftig problemlos in elektronische Patientenakten (EHR) als Entscheidungshilfe integrieren. Das System könnte Ärztinnen und Ärzte künftig automatisch warnen, wenn ein Patient ein hohes Komplikationsrisiko aufweist.
Was ist der Unterschied zum EOSS
Der OBSCORE ist keine direkte Erweiterung des EOSS. Obwohl beide Modelle das gleiche übergeordnete Ziel verfolgen – die Schwächen des reinen BMI bei der Beurteilung von Gesundheitsrisiken zu überwinden –, setzen sie an völlig unterschiedlichen Punkten an: Der EOSS bewertet den aktuellen Gesundheitszustand, während der OBSCORE die zukünftige Krankheitsentwicklung vorhersagt.
| Merkmal | EOSS (Edmonton Obesity Staging System) | OBSCORE |
| Ansatz | Klinisches Staging | KI-gestützte Prognose |
| Fokus | Aktueller Gesundheitszustand und Leidensdruck | Zukünftiges Risiko für Begleiterkrankungen |
| Datengrundlage | Diagnostizierte Beschwerden (physisch, psychisch, funktionell) | 20 klinische Parameter (v. a. Laborwerte und Biomarker) |
| Zielsetzung | Therapiepriorisierung nach aktuellem Bedarf | Frühzeitige Prävention vor Symptombeginn |
Fazit
Der OBSCORE liefert den längst überfälligen Beweis:
Adipositas-Medizin muss präziser werden. Weg vom reinen Blick auf die Waage, hin zu einer echten metabolischen Risikobewertung anhand von leicht verfügbaren klinischen Parametern. Für Betroffene bedeutet das zukünftig passgenauere Therapien, bevor schwere Begleiterkrankungen überhaupt erst entstehen.
Quellen und weiterführende Links:
- Originalstudie in Nature Medicine: Demircan, K. et al. (30. April 2026): Data-driven prioritization of high-risk individuals for weight loss interventions
Diese Publikation beschreibt die Entwicklung des OBSCORE anhand der Gesundheitsdaten von knapp 200.000 Teilnehmenden der UK Biobank und die Anwendung auf die SURMOUNT-1-Studie.
Link zur Studie (DOI): https://doi.org/10.1038/s41591-026-04353-2 - Science Media Centre (Presse-Briefing):OBSCORE – a tool to identify individuals at highest risk of obesity-related complications (April 2026). Offizielle Vorstellung des Vorhersagemodells durch die beteiligten Forscherinnen und Forscher der Queen Mary University of London und des Berlin Institute of Health an der Charité.
- Diabetes-News.de:Neues Vorhersagemodell ermittelt Krankheitsrisiko bei Übergewicht (Mai 2026). Ein aktueller deutschsprachiger Artikel, der die klinischen Messgrößen und die Vorteile des OBSCORE gegenüber dem reinen Body-Mass-Index (BMI) zusammenfasst.
https://www.diabetes-news.de

Gib den ersten Kommentar ab