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DMP Adipositas und jetzt ist alles gut?

 

Ich mache mir schon schon einige Tage Gedanken zu dem Thema DMP Adipositas und Versorgung und versuche einiges einzuordnen.

Für alle, die nicht so sehr im Thema sind hier mal kurz von Anfang an.

Nachdem im letzten Jahr der Deutsche Bundestag im Rahmen der Abstimmung zum Start der Nationalen Diabetesstrategie die Adipositas als Krankheit anerkannt hat, horchten wir erstmal alle auf.

Spontan sprach man von einem Meilenstein und war sicher, dass es nun mit der Versorgung und der Therapie der Adipositas vorangeht.

Die Bemühungen den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zu einer Lösung dieser Versorgungslücke zu bewegen, scheiterten in den vergangenen Jahren regelmäßig. In Gesprächen wurde immer erklärt, warum es zu dem jeweiligen Zeitpunkt nicht funktioniert und wo die Gründe liegen.

Unter anderem sprach man immer von Sektorengrenzen. Hier meint man – vereinfacht gesagt . die Grenzen zwischen ambulanter, therapeutischer und stationärer Behandlung.

Doch anstatt Lösungen zu finden passierte nach außen hin irgendwie …. nichts.

Schon im Jahr 2014 versuchte man sich an einem DMP Adipositas. Also einer strukturierten Versorgung ähnlich wie man es von Diabetes mellitus und anderen chronischen Erkrankungen kennt.
Mangels Studien und somit fehlender Evidenz passierte nichts. So sagt man.
Man hätte sich ja an den S3 Leitlinien Prävention und Therapie der Adipositas orientieren können. Die ist evidenzbasiert. Also wissenschaftlich fundiert. Aktuell wird diese überarbeitet.

Wir haben kein Evidenzproblem sondern ein Umsetzungsproblem

Ich persönlich glaube ja eher, dass es am Willen und nicht an der Möglichkeit lag.

Zurück zum DMP (Disease Management Program) Adipositas.
Anscheinend sieht man seitens des Bundesministeriums für Gesundheit hier Handlungsbedarf und hat im Referentenwurf zum Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG) nun die Einführung eines DMP Adipositas ins Spiel gebracht.

Welche Vorteile bietet ein solches DMP?

Meiner Ansicht nach hat dies mehrere Vorteile:

  1. Mit einem DMP steigt die Akzeptanz dieser Erkrankung
  2. Es werden sich mehr Behandler mit der Erkrankung Adipositas auseinandersetzen
  3. Menschen, die an der Adipositas erkrankt sind, werden frühzeitig in das DMP eingesteuert
  4. Wir erhalten (hoffentlich) Daten, die uns helfen die Erkrankung noch besser zu verstehen und zu forschen.

Gerade der dritte Punkt ist für mich sehr wichtig. Denn bisher mussten die Betroffenen „warten“ bis die adipös genug waren um eine chirurgische Therapie zu erhalten. Die einzig finanzierte Therapie der Adipositas.
Alles andere sind „KANN“ Leistungen im Rahmen der Prävention oder der Rehabilitation, bei der die Betroffenen eigene finanzielle Mittel einsetzen müssen.

Statement / Interview aus der Politik

Gestern fand ich in der Ärztezeitung ein interessantes Interview mit Herrn Dietrich Monstadt von der CDU zum Thema DMP Adipositas. Er hat einiges angesprochen was ich unterstützen kann. Und dies passiert nicht häufig.

Eine Aussage stört mich allerdings immens, denn sie bedient eine typische Stereotype:

Wenn Eltern ihre Kinder zu Fast-Food-Restaurants schicken oder sie Tiefkühlpizzen holen lassen, prägen die jungen Menschen kein Bewusstsein für gesunde Ernährung aus. Ungesunde Lebensweise, sprich zu viele Pfunde, sind dann programmiert.

Auch das Thema „Bildungsfern“ und „niedriger sozioökonomischer Status“ nervt mich ein wenig.
Mehr als die Hälfte der Deutschen sind übergewichtig und stehen somit an der Schwelle zur Adipositas.
Wenn es tatsächlich so ist, dann steht es schlecht um uns und auch um den Herrn der diese Aussage getroffen hat. Gibt es eigentlich eine BMI Statistik aus dem Deutschen Bundestag?

Bildung ist auch ein staatlicher Auftrag. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Das ist aber jetzt nicht unser Thema. Sonst werde ich gar nimmer fertig.

Wo ich ihm aber absolut zustimme:

Wir müssen den Kampf gegen Adipositas so strukturieren, dass wir im Kindes- und Jugendalter anfangen. Wir müssen zu vernünftiger Ernährung und ausreichender Bewegung schon in Kita und Schule kommen.

In der Prävention ist noch viel Luft nach offen und da muss zwingend was getan werden. Nicht nur an den Inhalten. Auch in der Kommunikation ist viel Luft nach oben.
Stichwort: Steigerung der Gesundheitskompetenz.


Bekommen wir nun schnell die Therapie der Adipositas?

Meine Antwort oder eher Vermutung ist JEIN.

JA, weil etwas auf den Weg gebracht werden könnte (noch ist es ja nicht offiziell), was Menschen, die an der Adipositas erkrankt sind, Helfen könnte.
NEIN, weil das Gesetz alleine keine Therapie bringen wird.

Denn nun kommt der G-BA wieder ins Spiel und wenn man genau schaut, merkt man erst wie komplex unser Gesundheitssystem ist.

Ein DMP bündelt vorhandene Maßnahmen und Therapien in ein Paket. Soweit so gut.
Diese Maßnahmen und Therapien müssen abrechenbare Leistungen sein. Es werden sogenannte Abrechnungsziffern benötigt, damit die Behandler auch für ihre Leistungen bezahlt werden (können).

Für einige Therapiebestandteile gibt es diese allerdings noch nicht.

Also müssen diese erst geschaffen werden. Hier gehen wahrscheinlich langwierige Verhandlungen mit den Berufsverbänden voraus.
Wenn dies erreicht ist, muss das DMP „zusammengebastelt“ werden.

Es liegt also ein langer Weg vor allen Beteiligten. Ach ja .. und das oben beschriebene Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG) muss ja auch erst einmal beschlossen werden.

Innovation beim DMP Adipositas?

Ehrlich gesagt bezweifele ich dies. Man wird sich wohl eher eng an bestehende Ansätze halten. Gerade auch weil die Versorgungsforschung zum Thema Adipositas in Deutschland nicht wirklich ausgeprägt ist. Es gibt durchaus gute Ansätze.
Wichtig ist, dass man bedenkt, dass die Erkrankung multifaktoriell ist und man einen Therapieansatz nicht über jeden Erkrankten stülpen kann

Wo funktioniert dies mit der Innovation?

Beim Digitalen Versorgungsgesetz ist es so geregelt, dass der Anbieter der Digitalen Therapie zu Beginn eine erste (kleine) Wirksamkeit nachweisen muss. Nach Abschluss des ersten Jahres muss dann eine Wirksamkeitsstudie vorgelegt werden.
Für die Erkrankung Adipositas gibt es bereits eine digitale Anwendung, die auch von den Kassen bezahlt wird.
Wie man eine digitale Therapie verschrieben bekommt, habe ich hier mal beschrieben.

Mein Wunsch beim Thema Therapie der Adipositas?

Ich würde mir eine Lösung wünschen, die die verschiedenen Ansätze kombiniert. Analog und Digital.
Eine hybride Therapielösung, die die positiven Effekte beider Möglichkeiten vereint, somit Behandler entlastet und den Patienten die bestmögliche Therapie bietet.

 

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2 Kommentare

  1. Susanne Hagedorn Susanne Hagedorn 16. März 2021

    Danke fürs Aufdröseln.
    Ich habe gerade mit der Mitarbeiterin einer Krankenkasse telefoniert. Ein potentieller Patient von mir hatte erzählt, dass es seiner Krankenkasse nicht mehr reicht wenn auf der ärztlichen Notwendigkeitsbescheinigung „nur“ Adipositas steht. Es muss noch eine Begleiterkrankung vorliegen. Was müssen sich die adipösen Patienten für diese Krankenkasse noch alles an Krankheiten wie Hypertonie etc. „anschaffen“ um eine individuelle Ernährungstherapie zu bekommen? Ich verstehe es gerade nicht.

    • Micha Micha Autor des Beitrages | 16. März 2021

      Hallo Susanne,
      da würde ich doch glatt spontan die „Sachbearbeitung“ wechseln.
      Oder anders:

      • Notwendigkeitsbescheinigung mit Kostenveranschlag an die Kasse
      • Schriftilche Ablehnung abwarten
      • Schriftliche Ablehnung an vielleicht eine Patientenorganisation des Vertrauens schicken
      • Warten bis die Patientenorganisation bei der Kasse „nett“ nachgefragt hat
      • Ernährungstherapie starten

      So ungefähr 😉

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