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Die „Abnehmspritze“: Warum wir aufhören müssen, von einer „Abkürzung“ zu sprechen

In letzter Zeit vergeht kaum eine Woche, in der nicht über die „Abnehmspritze“ (Wegovy, Ozempic, Mounjaro & Co.) berichtet wird. Und fast immer, wenn ich mir die Diskussionen dazu ansehe, fällt mir eines auf: Es wird sehr schnell sehr emotional.

Oft lese ich Kommentare wie:

„Früher hieß das einfach weniger essen“ oder „Wer Sport macht, braucht keine Chemie.“

Es hält sich hartnäckig die Meinung, dass die medikamentöse Unterstützung so etwas wie Schummeln sei. Ein „einfacher Ausweg“ für alle, denen es an Disziplin fehlt.

Ich finde, wir müssen diese Diskussion dringend versachlichen. Denn diese Sichtweise wird der Realität vieler Betroffener nicht gerecht.

Es ist kein Zauberstab, es ist ein Werkzeug

Lass uns realistisch bleiben: Diese Medikamente sind kein Wundermittel, das über Nacht alle Probleme löst. Wer glaubt, man könne weiterleben wie bisher, nur einmal die Woche spritzen und wird schlank, der irrt sich gewaltig.

Genau wie bei meiner Magenbypass-OP damals ist auch das Medikament „nur“ eine Krücke. Oder besser gesagt: ein Werkzeug.

Es hilft dabei, das ständige Hungergefühl zu regulieren und den „Food Noise“ im Kopf leiser zu drehen. Aber die Arbeit – die Ernährungsumstellung, die Bewegung, die Auseinandersetzung mit den eigenen Gewohnheiten – die muss man immer noch selbst leisten. Es ist keine Abkürzung, es ist eine Einstiegshilfe in ein gesünderes Leben.

Messen mit zweierlei Maß

Was mich an der Debatte oft irritiert, ist der Unterschied, den wir bei verschiedenen Krankheiten machen.

Wenn jemand Bluthochdruck hat, fragen wir nicht: „Hast Du es erst mal mit Meditation versucht, bevor Du die Tabletten genommen hast?“ Wir sind froh, dass es Medikamente gibt, die einen Herzinfarkt verhindern.

Bei der Adipositas tun wir uns damit immer noch schwer. Wir wissen längst, dass es eine komplexe, chronische Erkrankung ist. Hormone, Genetik und Stoffwechselprozesse spielen eine riesige Rolle. Bei vielen Menschen ist der Regelkreis von Hunger und Sättigung einfach gestört.

Warum fällt es uns als Gesellschaft so schwer zu akzeptieren, dass manche Menschen hier medizinische Hilfe brauchen, genau wie bei anderen chronischen Leiden auch?

Gesundheit statt Moral

Am Ende sollte es doch um eines gehen: Gesundheit.

Adipositas ist der Auslöser für so viele schwere Folgeerkrankungen. Wenn wir jetzt Therapien haben, die effektiv helfen, das Gewicht zu reduzieren und damit Diabetes oder Gelenkprobleme zu verhindern, dann ist das ein medizinischer Fortschritt.

Es geht nicht um Lifestyle oder darum, in eine bestimmte Kleidergröße zu passen. Es geht um Lebensqualität und Lebenszeit.

Mein Gedanke dazu

Jeder Weg aus der Adipositas ist legitim. Ob man es konservativ schafft, ob man eine Operation wählt oder ob man medikamentöse Unterstützung nutzt – entscheidend ist, dass man sich um sich selbst kümmert.

Wir sollten aufhören, diese Wege gegeneinander auszuspielen oder moralisch zu bewerten. Es ist schwer genug, gegen das Übergewicht zu kämpfen – da müssen wir uns das Leben nicht auch noch gegenseitig schwer machen.

Wie seht Ihr das? Empfindet Ihr die Diskussion um die neuen Medikamente auch als so vorurteilsbehaftet?

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Ein Kommentar

  1. Katrin Katrin 16. Dezember 2025

    Danke für deine Worte Micha, du sprichst mir aus der Seele.

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