Mein Leben mit dem „Phantom-Fett“
Ich stehe vor dem Spiegel. Objektiv betrachtet sehe ich einen Mann, der sein Gewicht von ehemals 160 kg massiv reduziert hat. Aber mein Gehirn spielt mir manchmal einen Streich. Es sieht immer noch den „alten Micha“. Den, der zu viel Platz wegnimmt. Den, den alle anstarren.
Wir Chirurgen und Ärzte sagen oft so schön technisch: „Die Adipositas ist eine chronische Erkrankung.“ Was sie einem vor der OP oft nicht sagen: Die Kilos auf der Waage verschwinden viel schneller, als die Seele hinterherkommt.
Der dicke Mann im engen Gang
Kennt Ihr das? Ich gehe durch ein gut gefülltes Restaurant oder will mich im Bus an jemandem vorbeiquetschen. Der Platz würde locker reichen. Locker! Trotzdem drehe ich mich automatisch zur Seite, ziehe den Bauch ein und mache mich ganz klein.
Warum? Weil mein internes Navigationssystem immer noch auf „Breite Ladung“ programmiert ist. In meinem Kopf bin ich oft immer noch der 160-kg-Mann, der nirgendwo durchpasst. Dieses „Phantom-Fett“ ist hartnäckig. Mein Körperumfang hat sich geändert, aber mein Raumgefühl hinkt um Jahre hinterher.
Das Dilemma mit den Außenstehenden
Zu meinem eigenen verzerrten Bild kommt oft noch das Feedback von außen – und das macht es nicht einfacher.
Irgendwann kommt dieser Punkt, an dem die Komplimente („Wow, hast Du toll abgenommen!“) umschlagen. Plötzlich hört man Sätze wie: „Jetzt reicht es aber!“ „Du siehst ja ganz eingefallen aus.“ „Iss mal was, Du siehst krank aus.“
Das ist verrückt: Ich selbst schaue in den Spiegel und sehe immer noch Problemzonen. Und mein Gegenüber sagt mir, ich sähe krank aus. Wem soll ich glauben? Meiner Wahrnehmung (die sagt: da geht noch was) oder der Tante Erna, die Angst hat, ich falle vom Fleisch?
Diese Diskrepanz verunsichert massiv. Man weiß gar nicht mehr, was „normal“ ist. Bin ich jetzt dünn? Bin ich noch dick? Sehe ich gesund aus oder wirklich kränklich? Oft projizieren andere ihre eigenen Ängste auf uns. Wer jahrelang der „dicke, gemütliche Micha“ war, der irritiert sein Umfeld, wenn er sich verändert. Aber das ist deren Problem, nicht meins.
Der Kleiderschrank-Schock
Auch beim Shoppen passiert es mir nach über 14 Jahren noch. Ich greife fast automatisch ins Regal mit den Übergrößen. Wenn ich dann ein Hemd in L oder XL in der Hand habe, denke ich: „Niemals. Das ist Kinderkleidung. Da passt doch höchstens ein Oberschenkel rein.“
Und dann ziehe ich es an – und es passt. Dieser Moment der Realisation ist jedes Mal aufs Neue seltsam. Es ist eine Mischung aus Freude und völliger Verwirrung. Das Selbstbild und das Spiegelbild wollen einfach nicht synchron laufen.
Am Ende suche ich immer – zum Leidwesen einer bestimmten Dame – nach dem Schlabber-Look.
Die Angst im Nacken
Besonders schlimm ist dieses Gefühl, wenn die Waage mal wieder nach oben zeigt – so wie bei mir aktuell, wo ich wieder knapp über der 100er-Marke bin.
Für einen Außenstehenden sind 2-3 Kilo mehr „halt ein bisschen zugenommen“. Für jemanden mit meiner Geschichte schrillt sofort die Alarmglocke im Kopf: „Das war’s. Jetzt wirst Du wieder so dick wie früher. Alles war umsonst.“
Diese Panik ist irrational, aber sie ist da. Die Angst vor dem Rückfall sitzt tief in den Knochen. Man fühlt sich sofort wieder schwerfällig und „falsch“, auch wenn man objektiv immer noch einen riesigen Erfolg vorzuweisen hat.
Seid gnädig mit Euch
Warum schreibe ich das? Damit Ihr wisst, dass Ihr nicht verrückt seid, wenn es Euch auch so geht. Der Kopf wird eben nicht mitoperiert. Die Magen-OP ist ein Eingriff in die Anatomie, aber die Heilung des Selbstbildes ist harte psychologische Arbeit.
Es dauert Jahre, bis das Gehirn die neue Realität akzeptiert. Und an schlechten Tagen vergisst es sie auch mal wieder. Das ist okay. Wir dürfen stolz auf das sein, was wir geschafft haben – egal was der Spiegel oder die Tante Erna sagen.
Geht es Euch auch so? Wie geht Ihr mit solchen Kommentaren um?

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